Der Kampf um echte digitale Souveränität: Warum The Document Foundation Euro-Office unter Druck setzt.
Sehen Sie sich auch unsere Sachbücher zu den Themen Linux, KI, FOSS und Technologie an. Oder lesen Sie zauberhafte Geschichten. Unterstützen Sie den Blog durch den Kauf eines Ebooks.
Die Frage nach digitaler Souveränität in Europa hat in jüngster Zeit an Dringlichkeit gewonnen. Immer mehr Regierungen und öffentliche Einrichtungen erkennen, dass die Abhängigkeit von nicht-europäischen Softwareanbietern ein strategisches Risiko darstellt. Doch die Lösung ist nicht so einfach, wie nur den Anbieter zu wechseln. Genau hier setzt eine hitzige Debatte an, die zwischen dem gemeinnützigen Träger von LibreOffice, The Document Foundation (TDF), und dem neuen europäischen Projekt Euro-Office ausgetragen wird. Die Kritikpunkte der TDF werfen ein schonungsloses Licht auf die Definition von echter Unabhängigkeit im digitalen Zeitalter und zeigen auf, warum die Wahl des Dateiformats entscheidender ist als der Standort der Server.
Euro-Office wird als vielversprechende neue Initiative von Nextcloud und IONOS vorgestellt. Das Projekt entstand als Abspaltung von ONLYOFFICE und positioniert sich als eine selbst gehostete, webbasierte Office-Suite. Das Ziel ist klar definiert. Organisationen und Regierungen sollen in der Lage sein, kollaborativ an Dokumenten zu arbeiten, ohne ihre Infrastruktur an Dritte abzugeben. Ein zentraler Antrieb für dieses Projekt ist der Wunsch, sich von Office-Lösungen zu trennen, die komplett abhängig von Big-Tech-Unternehmen wie Microsoft oder Google sind. Diese Sorge um die Sicherheit und Kontrolle über die eigenen Daten ist nachvollziehbar und hat zu einem breiten Konsens über die Notwendigkeit einer europäischen Alternative geführt. Doch die TDF hinterfragt, ob Euro-Office diesen Anspruch wirklich erfüllt oder ob es lediglich die Abhängigkeit von einem externen Akteur durch eine andere Form der Bindung ersetzt.
Das Herzstück der Kontroverse liegt im Umgang mit Dokumentenformaten. The Document Foundation hat in einem offenen Brief an die europäischen Bürger deutlich gemacht, dass digitale Souveränität weit mehr bedeutet als die Verlagerung von Software auf europäische Server. Echte Unabhängigkeit erfordert offene Standards, die von niemandem allein kontrolliert werden. Hier prallen zwei Welten aufeinander. Euro-Office wirbt in seiner Kommunikation stark mit einer hervorragenden Kompatibilität zu Microsoft-Formaten wie DOCX, PPTX und XLSX. Diese Formate basieren auf OOXML, einem Standard, der vollständig von Microsoft entwickelt und kontrolliert wird. Solange eine Software-Suite OOXML als natives Standardformat verwendet oder darauf angewiesen ist, bleibt sie strukturell von Entscheidungen abhängig, die in den USA getroffen werden. Der Standort der Server ist in diesem Kontext zweitrangig, da das Dokumentenformat weiterhin von einem einzelnen amerikanischen Konzern bestimmt wird.
Im Gegensatz dazu setzt die TDF auf das Open Document Format, kurz ODF. Dieser Standard ist eine ISO-Norm, die offen entwickelt wurde und nicht unter der alleinigen Kontrolle eines Unternehmens steht. Die TDF fordert daher explizit, dass Euro-Office ODF als sein natives Standardformat für die europäische öffentliche Verwaltung festlegt. Bisher ist die Antwort von Euro-Office auf diese Forderung ausgeblieben. Der Träger des Projekts hat sich nicht öffentlich geäußert, ob ODF als Standard für den Austausch zwischen Behörden dienen soll. Diese Stille wird von der TDF als alarmierend gewertet. Zwar listet die GitHub-Seite von Euro-Office ODF-Formate neben den Microsoft-Formaten auf, doch die offizielle Darstellung konzentriert sich fast ausschließlich auf die Kompatibilität mit Microsoft.
Die Unterscheidung zwischen der Unterstützung eines Formats und der Entscheidung, es zum Standard zu machen, ist entscheidend. Für eine Institution, die die Abhängigkeit von Microsoft wirklich durchbrechen möchte, reicht es nicht aus, die Dateien auf einem eigenen Server zu speichern. Wenn das Format selbst von einem US-Konzern kontrolliert wird, bleibt die technologische Kette der Abhängigkeit intakt. Deutschland hat diese Erkenntnis bereits gesetzlich verankert, indem es ODF als verbindliches Format für die öffentliche Verwaltung vorgeschrieben hat. In diesem Umfeld wird die Frage der TDF umso dringlicher. Euro-Office steht vor der Entscheidung, sich entweder klar für einen offenen europäischen Standard zu positionieren oder den Vorwurf zu riskieren, nur eine neue Hülle für alte Abhängigkeiten zu sein.
Die Debatte zeigt, dass digitale Souveränität ein komplexes Unterfangen ist. Sie erfordert Transparenz, offene Standards und den Willen, sich nicht nur auf den ersten Blick von alten Partnern zu lösen, sondern auch die technischen Grundlagen der eigenen Arbeit unabhängig zu gestalten. Ob Euro-Office diese Herausforderung annimmt und die notwendigen Schritte geht, wird darüber entscheiden, ob es zu einer echten Alternative für Europa wird oder nicht. Die Antworten der TDF haben eine wichtige Diskussion angestoßen, die für die Zukunft der europäischen Digitalpolitik von großer Bedeutung sein wird.