Windows 11 und die Web-App-Problematik

Die Dominanz von Web-Apps auf Windows 11 ist das Ergebnis bewusster Entscheidungen Microsofts, die nun heftig hinterfragt werden.

Windows 11 hat sich in den letzten Jahren in eine Richtung entwickelt, die viele Nutzer und Technologie-Experten zunehmend kritisieren. Die Dominanz von Web-Apps auf dem modernen Windows-Betriebssystem ist kein Zufall, sondern das Ergebnis bewusster Entscheidungen Microsofts, die nun heftig hinterfragt werden. Um zu verstehen, warum Windows 11 immer wieder Web-Apps statt nativer Anwendungen erhält, muss man sich mit den grundlegenden Herausforderungen auseinandersetzen, denen die Entwickler gegenüberstehen.

Die meisten vorinstallierten Anwendungen auf Windows 11, einschließlich vieler Microsoft-eigener Programme, sind tatsächlich Web-Apps. Diese Apps nutzen Web-Technologien wie Electron, WebView2 oder Progressive Web Apps, anstatt wirklich für das Windows-Ökosystem optimierte native Anwendungen zu sein. Dies führt zu einer paradoxen Situation, in der ein Betriebssystem, das als das leistungsfähigste für Desktop-Computer gelten sollte, zunehmend wie ein Transportmittel für browserbasierte Inhalte wirkt.

Die Grund für diese Entwicklung liegt in der Komplexität der modernen Software-Entwicklung. Microsoft hat über Jahre hinweg eine verwirrende Landschaft von Entwicklungs-Frameworks geschaffen, die Entwickler in verschiedene Richtungen zog. Während das Unternehmen immer wieder native Frameworks wie WinUI 3 promotet hat, sendete es gleichzeitig ein anderes Signal aus. Der Fokus lag auf plattformübergreifenden Lösungen, die auf Web-Technologien basieren.

Für Entwickler wurde Windows somit zu einer rätselhaften Plattform. Einerseits war es ein veraltetes Legacy-System, andererseits eine neue Plattform, die nicht die gleiche Leistungsfähigkeit bot wie spezialisierte native Frameworks. Unter diesen Bedingungen war es für Entwickler deutlich attraktiver, auf Web-Technologien zu setzen. Diese ermöglichen es ihnen, ihre Anwendungen mit minimalem Aufwand auf verschiedenen Plattformen bereitzustellen. Ein Entwickler, der eine App mit Electron oder WebView2 baut, kann diese auf Windows, macOS und Linux veröffentlichen, ohne den Code komplett umzuschreiben. Für kommerzielle Entwickler ist diese Effizienz attraktiv.

Auch Microsoft selbst hat diesen Weg konsequent verfolgt. Wenn der Betriebssystem-Hersteller selbst Web-Apps bereitstellt, werden diese als akzeptabel wahrgenommen. Dies sendet ein stilles Signal an die Entwickler-Community, dass dieser Weg der richtige ist. Drittanbieter-Entwickler folgen dem Beispiel Microsofts. WhatsApp, das einst mit einem nativen Framework für Windows entwickelt wurde, wechselte zu einer Chromium-basierten Web-Lösung. Auch Microsofts Flaggschiff-Produkte wie Copilot und Microsoft 365 Copilot sind nun Web-Apps.

Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind für jeden Nutzer spürbar. Web-Apps verursachen Probleme, die bei nativen Anwendungen nicht auftreten würden. Sie benötigen erheblich mehr RAM, sind langsamer bei der Ausführung von alltäglichen Operationen und verleihen dem gesamten System ein Gefühl von Unbeholfenheit. Ein konkretes Beispiel ist die Wetter-App auf Windows 11. Sie basiert auf WebView2 und ist im Grunde eine in einen Browser eingebettete Webseite. Das Scrollen ist träge, die Nutzeroberfläche wirkt unordentlich, und die App verbraucht über 700 Megabyte RAM. Im Vergleich dazu nutzt Apples native Wetter-App auf macOS nur etwa 250 Megabyte und bietet eine deutlich flüssigere Erfahrung.

Das WhatsApp-Beispiel ist noch extremer. Nutzer berichten, dass das Laden des Login-Bildschirms der WebView2-Version etwa 300 Megabyte RAM benötigt, während die alte native App weniger als 20 Megabyte verbrauchte. Wenn die neue Version vollständig lädt, kann sie mehrere Gigabyte RAM konsumieren, während die native Version typischerweise unter 300 Megabyte bleibt. Dies ist nicht nur ein technisches Problem, sondern eine Belastung für Nutzer mit älterer Hardware oder begrenzten Ressourcen.

Über diese technischen Probleme hinaus gibt es ein tieferes strategisches Problem. Windows verliert seine Identität. Das Betriebssystem ist für sein Ökosystem spezialisierter nativer Anwendungen bekannt. Doch wenn die Mehrheit dieser Apps webbasiert ist, wodurch unterscheidet sich Windows von Chrome OS, das exzellent für Web-Apps optimiert ist, oder von einer modernen Linux-Distribution? Ein Nutzer kann auf einem Chromebook oder Mac das Gleiche tun wie auf Windows, nur möglicherweise mit besseren nativen Anwendungen.

Dies ist ein fundamentales Problem der aktuellen Windows-11-Strategie. Microsoft hat jahrelang versucht, das alte und das neue Windows zusammenzubringen. Entwickler, sogar interne Teams, haben sich nicht auf native Windows-Apps konzentriert, sondern auf Web-Technologien und plattformübergreifende Lösungen. Das Ergebnis ist ein Betriebssystem, das seinen eigentlichen Vorteil verloren hat.

Die Ankündigung, dass Microsoft eine neue Entwicklergruppe bildet, um vollständig native Windows-Apps zu schaffen, könnte ein Wendepunkt sein. Rudy Huyn, ein Softwareentwickler bei Microsoft, kündigte an, ein neues Team zu gründen, das sich ausschließlich auf hundertprozentig native Anwendungen konzentriert. Diese Zusage ist bedeutsam, denn sie signalisiert, dass Microsoft endlich die Realität erkannt hat. Ein hundertprozentig natives Programm bedeutet, dass die Anwendung vollständig mit WinUI entwickelt wird, ohne WebView-Komponenten zu nutzen. Dies ist ein ehrgeiziges Ziel, besonders angesichts der Tatsache, dass Microsoft jahrelang in die entgegengesetzte Richtung ging. Die Ankündigung kommt auch im Kontext von Microsofts breiteren Bemühungen zur Verbesserung von Windows 11, einschließlich schnellerer Kontextmenüs, reduzierter File-Explorer-Startzeiten und einer anpassbareren Taskleiste.

Dies ist kein isoliertes Versprechen. Es ist Teil einer größeren Bemühung, Windows 11 wieder auf die Grundlagen zu konzentrieren. Statt weitere KI-Features hinzuzufügen, konzentriert sich die neue Windows-Leitung auf die Qualität des Systems selbst. Das ist ein willkommener Richtungswechsel.

Fazit

Hat Microsoft wirklich verstanden, dass eine Plattform nur dann relevant bleibt, wenn sie ein echtes differenzierendes Angebot hat? Apples macOS ist so erfolgreich durch seine eleganten, speziell für das System entworfenen nativen Anwendungen. Windows muss dasselbe tun. Ohne standhafte native Software riskiert Windows, zur Plattform des kleinsten gemeinsamen Nenners zu werden. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob Microsoft diese neuen nativen Apps wirklich umsetzen wird und ob das Unternehmen auch andere Entwickler dazu bewegen kann, wieder in native Entwicklung zu investieren.

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