Pop!_OS 24.04 LTS mit dem neuen COSMIC Desktop 1.0 ist nach über drei Jahren Entwicklungszeit durch System76 endlich erschienen. Dies markiert ohne Übertreibung ein bedeutendes Open-Source-Ereignis.
Die Vorteile von COSMIC
Am Anfang steht der unkomplizierte Installations- und Onboarding-Prozess, der mir erlaubte, zwischen verschiedenen Layouts (Panel plus Dock oder nur Panel) zu wählen. Nach den ersten Schritten im System fiel mir die Geschwindigkeit auf. Die Tatsache, dass die gesamte Umgebung und die neuen zugehörigen Anwendungen wie COSMIC Files, COSMIC Terminal und COSMIC Store in Rust geschrieben wurden, macht sich bemerkbar. Die Apps sind schnell und reaktionsfreudig.
Was meinen Workflow betrifft, so sind die Verbesserungen erheblich. Das Fenster-Tiling ist ein echtes Highlight. Ich kann es pro Arbeitsbereich oder pro Anzeige ein- und ausschalten. Besonders gut gefällt mir, dass ich Fenster sowohl mit der Maus als auch über die Tastatur neu anordnen kann, unterstützt durch deutliche visuelle Hinweise zur Platzierung.
Die Implementierung der Arbeitsbereiche (virtuelle Desktops) ist intuitiv. Ich kann sie über den Umschalter oben links leicht navigieren, sie horizontal oder vertikal anordnen, sie fixieren oder zwischen Monitoren verschieben. Auch die erweiterte Fensterverwaltung, die Stapelung, das Einrasten und die „Sticky Windows“, die mir zwischen den Arbeitsbereichen folgen, sind äußerst praktische Funktionen.
Der COSMIC Launcher, den ich einfach über die Super-Taste öffne, beschleunigt meine Navigation enorm. Er dient nicht nur zum Starten von Anwendungen, sondern auch für Web-Suchen oder die direkte Ausführung von Befehlen.
Die Unterstützung für Multi-Display-Setups ist hervorragend, da die automatische Skalierung basierend auf der Pixeldichte einfach funktioniert und die Konfigurationen erhalten bleiben. Auch das automatische Management hybrider Grafikkarten funktioniert tadellos. Anwendungen fordern die dedizierte GPU nur an, wenn sie diese benötigen. Dies schont die Akkulaufzeit.
Die (noch vorhandenen) Nachteile
Obwohl ich insgesamt sehr beeindruckt bin, muss ich feststellen, dass COSMIC 1.0, als erste stabile Veröffentlichung, noch ein paar Probleme aufweist.
Das frustrierendste Problem, das mir begegnet ist, betrifft den Ton. Wenn ich meine Kopfhörer anschließe und versuche, die Lautstärke anzupassen, ändert Pop!_OS stattdessen die Lautstärke der eingebauten Lautsprecher meines Laptops. Manchmal werden die Kopfhörer dabei sogar getrennt, was störend ist.
Gelegentlich erscheinen die Logos für neu angeheftete Anwendungen im Dock nicht sofort, sondern werden nur durch ein generisches Zahnradsymbol dargestellt. Ein Neustart behebt das zwar, sollte aber eigentlich nicht nötig sein.
Obwohl die neuen Rust-Apps schnell sind, habe ich den Eindruck, dass einigen Anwendungen noch Funktionen fehlen, die ich gewohnt bin. Ich bin sicher, dass diese aber in der nächsten Zeit integriert werden. Auch die oben beschriebenen Probleme werden höchstwahrscheinlich mit kommenden Updates behoben, wenn nicht mittlerweile bereits erfolgt.
COSMIC vs. GNOME
COSMIC liefert alles, was GNOME fehlt. Bei Gnome müssen viele Funktionen mit Erweiterungen nachgerüstet werden. Dazu kommt der halbjährliche Kampf um die Kompatibilität von Erweiterungen, wenn wieder ein neues GNOME-Update ausgeliefert wird.
Ich stimme denjenigen zu, die sagen, dass GNOME in seiner Standardform zu funktionsarm ist, um seinen Kernauftrag zu erfüllen. COSMIC stellt hier ein „Gefühl der Normalität“ wieder her, indem es diese Funktionalität direkt integriert.
Manche Nutzer bezeichnen GNOME als „laggy“ und empfinden den Compositor als absturzanfällig. COSMIC, das auf Rust basiert, scheint hier die bessere Performance und Stabilität zu bieten.
COSMIC vs. KDE
KDE besetzt funktional und visuell eine etwas andere Nische als COSMIC und GNOME. Während KDE oft für diejenigen empfohlen wird, die maximale Anpassbarkeit wünschen, scheint COSMIC einen guten Mittelweg zu bieten. Der Desktop integriert leistungsstarke Funktionen ohne die Komplexität, die KDE aufweist.
Fazit
COSMIC Desktop 1.0 ist eine beeindruckende Desktopumgebung, die dank ihrer Entwicklung in Rust schnell und reaktionsfreudig ist. Die Umgebung bietet einen überlegenen Workflow durch das leistungsstarke Tiling und die erweiterten Arbeitsbereiche.
Obwohl einige Anfangsschwierigkeiten wie Audio-Bugs und fehlende Anwendungsfunktionen noch adressiert werden müssen, hat COSMIC das Potenzial, die etablierte Dominanz von KDE und GNOME herauszufordern. Für Nutzer, die einen produktivitätsorientierten Desktop mit hoher Performance suchen, ist COSMIC bereits jetzt eine starke und empfehlenswerte Wahl.
Man könnte sagen, KDE ist wie ein Schweizer Taschenmesser mit unzähligen Werkzeugen und Einstellmöglichkeiten, während GNOME ein minimalistisches, unvollständiges Designstück ist. COSMIC hingegen ist wie ein hochwertiges Multifunktionswerkzeug, das speziell für den modernen Linux-Workflow entwickelt wurde und die wichtigsten Funktionen integriert.

