Nachdem die Libreoffice Macher von The Document Foundation Microsoft bereits mehrfach öffentlich angegriffen haben, richten sie ihren Blick nun auf OnlyOffice, ein Konkurrenzprodukt, das viele bisher als Teil der Open-Source-Gemeinschaft betrachteten.
TDF bezeichnet OnlyOffice nun offen als „Fake Open Source“ und wirft dem Unternehmen vor, gemeinsam mit Microsoft an einer Strategie zu arbeiten, die Nutzerinnen und Nutzer in proprietäre Ökosysteme einsperrt.
Was steckt hinter dem Vorwurf?
Der Kern des Vorwurfs ist schnell erklärt. OnlyOffice setzt standardmäßig auf Microsoft-Dateiformate wie DOCX, XLSX und PPTX, anstatt offene Standards zu fördern. Für TDF ist das kein technisches Detail, sondern eine grundlegende politische Entscheidung. Wer Microsoft-Formate als Standard etabliert, so die Argumentation, zementiert die Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter, auch wenn die Software selbst unter einer Open-Source-Lizenz veröffentlicht wird. Offenheit im Quellcode allein reicht also nicht aus, wenn das Verhalten der Software die Nutzer trotzdem in eine bestimmte Richtung drängt.
OnlyOffice verfolgt ein hybrides Geschäftsmodell. Es gibt eine Community-Edition unter einer Open-Source-Lizenz sowie eine proprietäre Enterprise-Version für Unternehmen. Dieses Modell ist in der Softwarewelt nicht ungewöhnlich, zieht aber regelmäßig Kritik von Open-Source-Puristen auf sich, die argumentieren, dass echte Offenheit nicht mit kommerziellen Einschränkungen kombiniert werden kann. TDF geht jedoch noch einen Schritt weiter und sieht in der Kompatibilitätsstrategie von OnlyOffice nicht nur ein Zugeständnis an den Markt, sondern eine aktive Mitschuld an der Monopolisierung des Dokumentenformats.
Ein historischer Vergleich: Die Browserkriege
Um ihre Position zu verdeutlichen, zieht TDF einen historischen Vergleich, der durchaus passend ist. In den späten 1990er und frühen 2000er Jahren versuchte Microsoft mit dem Internet Explorer 6, das Web nach seinen eigenen Vorstellungen zu formen. Proprietäre Erweiterungen, herstellerspezifische Standards und eine bewusste Inkompatibilität mit anderen Browsern sollten sicherstellen, dass Webseiten am besten, oder manchmal ausschließlich, im Internet Explorer funktionierten. Das World Wide Web Consortium (W3C) widerstand diesem Druck und bestand auf offenen, herstellerneutralen Standards. Diese Entscheidung, so TDF, hat das heutige offene Web gerettet.
Bei Dokumentenformaten verlief die Geschichte jedoch anders. Als Microsoft sein Office Open XML-Format (OOXML) bei der ISO zur Standardisierung einreichte, wurde es trotz erheblicher Kritik aus der Fachwelt anerkannt. Kritiker bemängelten damals, dass OOXML kein echter Standard sei, sondern eine nachträgliche Dokumentation bestehender Microsoft-Implementierungen, gespickt mit Abhängigkeiten von proprietären Microsoft-Technologien. Das Ergebnis ist bis heute spürbar: Wer ein DOCX-Dokument außerhalb von Microsoft Office öffnet, muss oft mit Formatierungsfehlern, verschobenen Elementen und anderen Darstellungsproblemen rechnen. Der Standard existiert auf dem Papier, funktioniert in der Praxis aber nur zuverlässig mit der Software des Unternehmens, das ihn geschaffen hat.
Die politische Dimension von Dateiformat-Abhängigkeiten
TDF beschränkt sich in seiner Argumentation nicht auf technische Fragen, sondern weist auch auf die gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen hin. In einer bemerkenswerten Formulierung beschreiben sie proprietäre Dateiformate als eine Art digitale Handschellen, die ein Geschäftsmodell im Wert von 30 Milliarden Dollar schützen. Wer seine Dokumente in einem proprietären Format speichert, übergibt die Kontrolle über seine eigenen Inhalte an ein Unternehmen, dessen Interessen nicht zwingend mit den eigenen übereinstimmen.
Als konkretes Beispiel nennt TDF einen besonders drastischen Fall: Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs verlor den Zugang zu seinem E-Mail-Konto, nachdem Microsoft das Konto auf Anweisung des Präsidenten der Vereinigten Staaten gesperrt hatte. Dieser Fall illustriert auf erschreckende Weise, wie abhängig selbst hochrangige internationale Institutionen von kommerziellen Technologieanbietern geworden sind und welche Konsequenzen diese Abhängigkeit im schlimmsten Fall haben kann.
Was bedeutet das für die Zukunft offener Software?
Die Auseinandersetzung zwischen LibreOffice und OnlyOffice ist mehr als ein Streit zwischen zwei konkurrierenden Softwareprojekten. Sie wirft grundlegende Fragen darüber auf, was Open Source im Jahr 2026 eigentlich bedeutet. Reicht es aus, den Quellcode offenzulegen, wenn die Software in ihrer Funktionsweise trotzdem Abhängigkeiten schafft und Nutzer in bestimmte Ökosysteme lenkt? Oder muss echte Offenheit auch die Förderung herstellerneutraler Standards einschließen?
TDF vertritt klar die zweite Position. Für die Organisation ist das OpenDocument-Format (ODF) der einzig legitime Standard für offene Dokumente, weil es von Anfang an ohne Rücksicht auf die Interessen eines einzelnen Unternehmens entwickelt wurde. Die Unterstützung von OOXML als Standardformat, selbst durch Open-Source-Software, wird als Kapitulation vor dem Marktdruck und als Verrat an den Prinzipien der digitalen Souveränität gewertet.
OnlyOffice hingegen argumentiert, dass hohe Kompatibilität mit Microsoft-Formaten ein praktisches Bedürfnis der Nutzer erfüllt. In einer Welt, in der die überwiegende Mehrheit der Bürodokumente in DOCX oder XLSX vorliegt, ist die Fähigkeit, diese Formate fehlerfrei zu lesen und zu schreiben, für viele Nutzer schlicht entscheidend für die Wahl einer Software. Aus dieser Perspektive ist die Kompatibilitätsstrategie kein Verrat, sondern eine pragmatische Antwort auf reale Anforderungen.
Ein Konflikt ohne einfache Antworten
Letztlich zeigt dieser Streit, wie komplex die Welt der offenen Software geworden ist. Die idealistischen Prinzipien der frühen Open-Source-Bewegung treffen auf die wirtschaftlichen Realitäten eines Marktes, der von wenigen großen Akteuren dominiert wird. Wer in diesem Umfeld bestehen will, muss Kompromisse eingehen, und genau diese Kompromisse werden von Puristen wie TDF als Verrat gewertet.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Wahl eines Dateiformats keine rein technische Entscheidung ist. Sie ist eine politische Entscheidung darüber, wem man vertraut, von wem man abhängig sein will und welche Werte man mit seiner Softwarenutzung unterstützt. In diesem Sinne ist der Streit zwischen LibreOffice und OnlyOffice ein Spiegel größerer gesellschaftlicher Debatten über digitale Souveränität, Marktmacht und die Grenzen des Begriffs Offenheit.